Nicht gerade wenige Leute hatten mich nun erwartungsvoll gefragt, wie es denn nun so lief, mit dem Praktikum. Spätestens nach dem zweiten Tag haben die gefragt, versteht sich. Und ich gab dann immer zu bedenken, daß das Praktikum drei Monate dauert und deswegen man mal sehr wohl das Recht hat, sich eine ganze Woche einarbeiten zu dürfen.
Und nun schreibe ich

die unglaubliche Geschichte eines einwöchig-eingearbeiteten Praktikanten bei der DB Regio-AG Abteilung Thüringen, Niederlassung DB Regio-Werk Erfurt (Neubau an der Strecke Richtung Weimar)

nieder.

Die Sache ist ja garnicht so einfach, wie man sich denken könnte. Da muß ich doch etwas weiter ausholen. (Allen, denen das Vorgeplänkel nicht zusagt, sei geraten, einfach weiterzuscrollen, bis man zum Wort "KOMPRIMIERTE" gekommen ist. Ach so, und wer einige Zusammenhänge nicht verstanden hat, weil dies nur Insiderwissen sind, wird damit von mir genötigt, entweder seine Wissenslücke mit ins Grab zu nehmen oder mich einfach anzurufen. Zur wunderbahren Welt meines Festnetzanschlußes muß ich auch noch ein Anekdötchen loslassen...)

Am 28. Februar stand ich nun in der DB-Regio AG-Zentrale Haus 1 (jenes am Hauptbahnhof) und wartete darauf das mein Vorstellungsgesprächs-DB AG-Teilnehmer endlich aufkreuzte, wobei ich schon durch den Flur hörte, wie Frau Baumann ("wenn sie ein Problem haben, können sie mich ruhig anrufen") zu Herrn Bauer ("wenn sie ein Problem haben, können sie mich ruhig anrufen") und Herrn Seebach (mein Chef) sagte, daß ich per eMail schrieb, ich könne mich eventuell auf Grund meiner langen Anreise etwas verspäten und daraufhin nur ein Naja,-fängt-ja-gut-an zu hören war, wobei dann Frau Baumann schon halb auf den Flur getreten, feststellte, daß ich schon da sei. Sei's drum, ist ja auch nicht so wichtig.

Am 05. April diesen Jahres stand ich also etwas deprimiert am Erfurter Hauptbahnhof und zeigte mich überhaupt nicht dankbar für Johannes Aufmunterungsversuche. Als er dann abends nochmal weg war, sah ich mir eine weitere Folge Enterprise auf dem Powerbook an, nachdem ich vorher versuchte schonmal den einen oder anderen Radiosender zu katalogisieren, allerdings stellte sich auch schnell heraus, daß gutes Radio scheinbar nur in Potzdam produziert werden kann. So richtig wohlfühlen konnte ich mich noch nicht, da Johannes der Entropie in seinem Zimmer freies Schaffen gewährte und dies nicht ganz in meine Geschmacksrichtung ging.
Am folgenden Tag kam dann Vater aus Wintersdorf um meinen Großteil des benötigten Hausrates auszuladen und Johannes selbigen einzuladen. Das Zimmer schien wärenddessen gewachsen zu sein. Johannes mußte dann aber wiederum von Bautzen nach Erfurt, weil er am Montag mit zwei Kollegen in die Nähe der Schweizer Grenze zu einer Fortbildung fahren wollte. Und da dies spät wurde, nahm er den Hausschlüssel des Gebäudes, in dem ich mich gerade wohnlich befinde, mit, falls es wirklich spät werden würde, also arg. Und das tat es dann auch. Wärenddessen richtete ich mich ersteinmal ein. An diesem Abend ging es mir schon viel besser, weil man viel Gewohntes um sich herum hatte, auch die Musik war gewohnt, da diese vorher sorgsam gerippt aus dem Powerbook über die Stereoanlage vorsichhintrellerte. Der Sonntag war dadurch gekennzeichnet, daß Johannes und ich durch die Innenstadt schlenderten und ich am späten Nachmittag noch ausprobierte, wie lange es ungefähr dauert, mit dem Fahrrad von der Wohnung zum Bahnhof zu gelangen und eventuell das Regio-Werk zufinden, allerdings verfranzte ich mich da hoffnungslos in der tristen Bahnhofsvorstadt.

Am folgenden Aprilmontag stand ich wieder im selben Zimmer, wie am letzten Donnerstag im Februar. Schnell war klar, daß man eigentlich gleich hätte zum Regio-Werk rausfahren können, nur das mir der Herr Bauer nicht hätte sagen könnte, daß wenn ich ein Problem habe, ich ihn ruhig anrufen kann. Das Fahrrad dann noch schnell in den Bahn-Golf-Kombi vom Herrn Seebach gequetscht, bin ich dann mit dem Herrn Thierbach im Bahn-Polo zum Werk rausgefahren. Auf der Route fahre ich morgens immernoch zur Arbeit, aber zurück quer durch die Innenstadt, aber dazu später mehr.
Der Herr Thierbach ist im Bahn-Deutsch der FASI und ist, wie man sich vielleicht mit viel Verstand zusammenreimen kann, der Sicherheitschef im DB Regio AG-Abschnitt (dazu ist zu sagen, daß bei diesem DB Regio-Werk auch DB Cargo, DB Energie und DB Gastronomie vorhanden sind, aber an sich eigenständige Unternehmen sind). Er hat mir dann auch das ganze Gelände gezeigt, ist mit mir durch alle Wartungshallen gewandert und hat Geschichten erzählt, die man nie einem normalen Bahnreisenden erzählen sollte, da dieser dann nie wieder in einen Zug steigen würde. Das schöne an der hier befindlichen Regio AG ist, daß ein ziemlich neuer Fuhrpark eingesetzt wird, neben den Loks der Baureihen 143, 203, 232, 229, 298 und 345 fahren hier Triebwagen der Baureihe 425, 612, 628, 641, 642 und natürlich BR 771 herum, oder eben auch nicht, weil dann mal ein Drehgestell fehlt, wie bei einem 642er.
Und dann ging es eigentlich auch schon mit der Arbeit los. Ich bekam dann vom Herrn Seebach meine Arbeit in die Hand gedrückt. Dem Team wurde ich natürlich vorher vorgestellt, ich gehöre ja schließlich ab jetzt drei Monate dazu. Einen eigenen Schreibtisch mit Computer im eigenen Zimmer habe ich auch bekommen, wobei sich im Schreibtisch mehr Staub als alles andere aufhält, abgesehen von etwas Papier und ein paar Stiften und Büroutensilien. Ich kann aber ständig auf die Gleise sehen und einem 641 in die Dachlüftung, wenn denn mal einer dort steht, was allerdings mindestens einer ziemlich oft macht. Nach einem sogenannten Einführungsgespräch, in dem klargemacht wurde, daß die Sachen, die bei meiner Arbeit ermittelt werden, niemanden außer der Umweltabteilung und dem Werksleiter etwas angehen und eigentlich auch keiner etwas davon wissen sollte, ist mir erst klar geworden, warum das Praktikum drei Monate dauert. Die Umweltstudie wird so umfassend, wie so nur sein kann. Des Weiteren habe ich jetzt einen Chip, mit den man sich zu sicherheitsrelevanten Abteilungen Zugang verschaffen kann, bin also sicherheitstechnisch höhergestellt, als die meißten Mitarbeiter und Leiter in diesem Werk.

Im Prinzip geht es eigentlich gar nicht um eine Umweltstudie, sondern um die Vorbereitung für eine Umweltstudie, also um die Aufnahme des Ist-Zustandes im DB Rego-Werk und Außenstellen (Gotha, Gera, Nordhausen, Meiningen). Die Themen gehen quer durch den Gemüsegarten, von Immissionsschutz über Abfallrecht, Gefahrgüter, Einkauf bis hin zur Raumplanung/-erschließung und so weiter... Man hat eigentlich mit jedem Abteilungsleiter in diesem Werk zu tun und muß als Praktikant diese Menschen in die Mangel nehmen, um Fehler im System aufdecken zu können. Es geht ja wirklich eigentlich um ein Zertifikat, welches die DB Regio AG gerne haben möchte und dazu muß man umwelttechnisch nach dem Bundesrecht/Länderrecht vorgehen und ob dies passiert, soll nun festgestellt werden. So einfach ist das. Wie gesagt, drei Monate.
Das Schöne daran ist, daß die Menschen, die mir Auskunft geben sollen natürlich ersteinmal ihre eigene Arbeit erledigen möchten, bevor dann der Herr Richter ("Herr Richter? Q3 oder I-Irgendwas? Nein, Praktikant beim Seebach. Ach, Seebach!") seine Fragen stellen kann. Und zusätzlich gibt es dann noch viele, die sich erst in ihren Bereich einarbeiten müssen, da durch die Umstrukturierung viel entlassen und viel umbesetzt worden ist. Und dadurch sind natürlich auch viele Akten unsortiert in Archiven verschwunden, die der Herr Richter gerne einsehen möchte, aber wenn irgendjemand (daß das irgendjemand macht, ist sowieso illusiorisch) oder er selber nachsehen würde, könnte er es gleich bleiben lassen, da man selbst mit gutem Willen nichts finden wird. Und dann die Sache mit den Abkürzungen, die mich persöhnlich ja sehr begeistert, wenn dann von der 1. BImSchV ("dö örschte BümmschPföu") die Rede ist, oder VAwS, wobei die GefStoffV auch einer meiner Lieblinge ist, besonders weil alle mindestens 20 Paragraphen haben, mit mindestens je zwei Abschnitten, versteht sich. Zur Zeit hänge ich bei den GefStoff rum, also den Gefahrstoffen und den Gefahrgütern (sind quasi Gefahstoffe, die transportiert werden), sowie den wassergefährdenden Stoffen, natürlich mit Katastercheck, Lagersichtung, Datenblattprüfung und Tankbegehungen, was halt alles so dazu gehört.

Die Leute bei DB Regio sind schon eine seltsame Truppe. Nicht nur weil die `rumthüringern, das man schonmal nachfragen muß ("wo kommen sie eigentlich her, Herr Richter, sie sprechen so einen Berliner Akzent") und dann hat ja auch jeder eine Registriernummer bei der Bahn, der oberste Chef im DB Regio-Werk, der Herr Basler ("wenn sie ein Problem haben, können sie mich ruhig anrufen"), hat die Nummer I, seine Sekreterin ("wenn sie ein Problem haben, können sie mich ruhig anrufen") die Nummer I1 und dann geht das so durch, Lagerwirtschaft, zum Beispiel, der Herr Müller I7, wobei dann mehrere bei der Lagerwirtschaft arbeiten und I7 heißen, heißen die dann, zum Beispiel I7 Mü. Da soll man mal durchblicken. Und ich habe jetzt auch erfahren, daß ich Q3 bin.
Das Umweltteam ist auch nicht so grün miteinander, aber das scheint so Normalität zur sein, Herr Seebach scheint mit seinem Stellvertreter nicht so richtig auszukommen (heißt nicht, daß überhaupt nicht geredet wird), jedenfalls soll ich mich lieber an Frau Lip wenden, wenn ich mal ein Problem habe. Die anderen Mitarbeiter sind ganz nett, reden zwar nicht so viel (liegt an der Seltsamkeit des Herrn Seebach ("das ist nicht kriegsentscheident")) aber haben eigentlich immer gute Laune. Und die Interviewpartner sind auch ganz nett, schließlich arbeitet man ja in der selben Firma, beziehungsweise, bin ich ja nur ein Praktikant ("Bei Seebach? Auweia, na hofftlich kommt der nicht nochmal persöhnlich vorbei!").

Naja, jedenfalls arbeite ich da immer von 09:00 bis 15:00, und habe meist ein Anreise-/Abreiseweg von 20 Minuten. Zwar ist das Werk nur 5km von meinem Zimmer entfernt und ich fahre durchschnittlich 27km/h, aber auf dem Hinweg werde ich von sechs, manchmal sieben Ampeln aufgehalten, die schon bis zu einer vollen Minute rot bleiben und die viel befahrenen Straßen so auch nicht überquerbar sind. Auf der Rückfahrt bevorzuge ich eine andere Route, auf der zweiten Hälfte quer durch die Innenstadt. Auf dem Hinweg kann man sich vom Sog der tausend LKWs auf der Bundestraße (Weimarsche Straße) treiben lassen. Die Innenstadt ist eigentlich für Radfahrer in der Businesszeit gesperrt, aber, was soll's. Das richtig Schöne daran ist die Sache mit der Straßenbahn, die sich auch durch die Innenstadt schlängelt. Und zwischen die Gleise trauen sich die dämlichen Erfurter nicht (die nicht einmal wissen, wie man eine Rolltreppe effektiv benutzbar für langsame und schnelle Konsumer benutzt und außerdem viel zu langsam gehen), so daß ich wunderbar in der Fußgängerzone mit 33km/h langrauschen kann und nicht einmal die Straßenbahn hinterherkommt. Bei den eingebildeten Erfurtern, die glauben, sich nicht umsehen zu müssen, wenn sie über die Gleise schreiten, weil die Straßenbahn sowieso laut durch die Straßen scheppert, rausche ich manchmal extra dicht an ihnen vorbei, um zu zeigen, daß sie nicht alleine mit der Straßenbahn die Erfurter Welt bevölkern. Mach ich aber nur, wenn ich mal Lust habe.

Die Innenstadt ist ungefähr zwei Kilometer vom Gothaer Platz, der zweihundert Meter von der Heinrichstraße 11 entfernt ist, abtrünnig liegend. Und jetzt kommt der Knüller mit meinem Telefon-Festnetzanschluß: Ich habe einen Viag Interkom-Vertrag mit sogenannter Homezone, das ist ein Bereich, der ähnlich einer GPRS-Zelle eingerichtet wird, in der dann günstigere Tarife für mich und die Anrufer, die dann die Festnetznummer wählen, gelten. Und laut Fernsehwerbung gilt die Homzone im Umkreis von 500 Metern. Ist aber gelogen. Mich kann man in meiner CD-Ecke anrufen (Saturn am Anger (2km weg)), in meiner Bücherecke (zwei Buchläden, auch am Anger), in meiner Küche (Pizzeria am Rathausplatz), beim Kühlschrank (Eiscafe, weiß nicht mehr, wo das ist), vor der Haustür (am Hauptbahnhof (2km weg)), in meiner Vorratskammer (Supermarkt (750m weg)) und natürlich im Vorgarten (Petersberg neben Domplatz (1km weg)). Bis jetzt hat in Erfurt 16 Tage ununterbrochen die Sonne geschienen, wenn man mal die Nächte außen vor läßt. Ansonsten ist die Innenstadt schön aufgemacht, viel wurde renoviert, allerdings gibt es auch die tollen Industrieruinen und begeisterungshebene Wohnviertel, die von der Industrie geprägt und dann im Stich gelassen worden sind. Und natürlich die neuen Industrieflächen auf der nun ja nicht mehr, weil bebauten grünen Wiese (man erinnere sich an den AbiBall). Und dann gibt es ja noch meine Vorratskammer. Der Supermakt nennt sich tegut... und ist der einize, der mal nicht enge Gänge aufweist und in dem jeder Kunde an der Kassen mit einem Guten-Tag begrüßt wird. Ich finde das bemerkenswert. Kenne sonst keine solche Etablisments, in denen es so zugeht.

Jaja, so war das. Jetzt habe ich zwar relativ wenig über meine Bahnarbeit erzählt, aber vielleicht ist es ja Niemandem aufgefallen. Ach so, noch für alle, die es wiedermal eilig haben und scrollen mußten, hier das KOMPRIMIERTE: Praktikum bei der Bahn, ganz nett, viel Arbeit, lange Anreisezeit, tolle Innenstadt, langsam eingelebt, kann man mal anrufen.
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